Angriffe mit Streubomben in der Ukraine

Der Einsatz von Streubomben im Konflikt zwischen der Ukraine und Russland ist nicht neu. Auch in dem seit 2014 andeuernden Konflikt im Donbass wurden laut Menschenrechtsorganisationen immer wieder Streumunition in der Ukraine eingesetzt – mit verheerenden Folgen für die Bevölkerung.

Aktuelle Kriegshandlungen 2022

(Stand 14. Oktober 2022) Dicht besiedelte Gebiete in der Ukraine - unter anderem in Dnipro, Kiew, Lemberg und Ternopil - wurden am Montag, den 10.10.2022, mit großflächig wirkenden Explosivwaffen angegriffen. Dabei sind mindestens 11 Zivilist*innen getötet und 89 weitere verletzt worden. Mehrere Objekte der zivilen Infrastruktur wurden zerstört, unter anderem eine Fußgängerbrücke, ein Spielplatz, und mehrere Häuser. Die Zerstörung der Infrastruktur führte auch zu Stromausfällen und Unterbrechungen der Wasser-, Strom- und Kommunikationsversorgung. Angesichts der Tatsache, dass sich die Bürger*innen auf den näher rückenden Winter vorbereiten, ist dies besonders katastrophal.

Mehrere Hilfsorganisationen wurden durch die Angriffe gezwungen, ihre Arbeit aus Sicherheitsgründen für ihre Mitarbeiter*innen auszusetzen, was fatale Auswirkungen auf die hilfsbedürftige Bevölkerung hat.

Der Einsatz von Streubomben in der Ukraine ist keine Seltenheit. Das verdeutlichten einmal mehr die neuesten Ergebnisse des Streubomben Monitors von 24. August 2022 der Cluster Munition Coalition (CMC), einer globalen Koalition von Nichtregierungsorganisationen. Zwischen Februar und Juli 2022 sollen mindestens 689 Zivilist*innen getötet (215) oder verletzt (474) worden sein. Die Dunkelziffer ist aber wahrscheinlich noch höher. Russische Streitkräfte sollen in hunderten von Angriffen Streumunition verwendet haben, ukrainische Streitkräfte in mindestens drei Fällen. Auch Human Rights Watch (HRW) bekräftigt die Angaben in seinem Bericht „Intense and Lasting Harm: Cluster Munition in Ukraine“ vom 11. Mai. HRW hatte hunderte Verdachtsfälle von Streubombeneinsatz durch russische Truppen verzeichnet und begründet die Annahme unter anderem durch den Fund von hunderttausenden Submunitionen. In mindestens acht von 24 Oblasts (größere Verwaltungsbezirke) sollen demnach bisher Streubomben eingesetzt worden sein: In Chernihiv, Dnipropetrovsk, Donetsk, Charkiw, Kherson, Mykolaiv, Odesa und Sumy.  

Bislang scheint Russland die Streubomben unter anderem aus den Mehrfachraketenwerfersystemen BM 27 und BM 30 abgefeuert zu haben. Dies lässt sich an den unterschiedlichen Munitionsarten erkennen, die von den einzelnen Systemen verwendet werden, sowie an der Richtung, aus der sie sich vor dem Einschlag bewegt zu haben scheinen. Sechs verschiedene Arten von Streumunition konnten bislang sicher identifiziert werden. Mit Ausnahme des Munitionstyps der RBK-Serie wurden die Waffen überwiegend von bodengestützten Mehrfachraketenwerfersystemen abgefeuert. Anhand von Bildern und Videos in den sozialen Medien konnten Beobachter*innen die Einschlagstellen von Streumunition vor allem immer wieder in zivilen Gebieten in der Ukraine lokalisieren.

Die Stadt Charkiw im Nordosten der Ukraine, nur 25 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, war in den letzten Monaten Schauplatz heftigster Kämpfe und dabei offenbar auch das Ziel mehrerer Angriffe mit Streumunition. Zuletzt berichtete Human Rights Watch am 16. August über acht Angriffe durch Explosivwaffen mit Flächenwirkung und verbotener Streumunition auf bewohnte Gebiete, die in den vergangenen Wochen in Charkiw und der Nachbarstadt Derhachi dokumentiert wurden. Dabei sind mindestens zwölf Personen getötet und 26 verletzt worden. Fünf Krankenhäuser wurden bei den Angriffen beschädigt.

Auch Action on Armed Violence (AOAV), eine in Großbritannien ansässige gemeinnützige Forschungsorganisation, die sich für die Verringerung der Häufigkeit und der Auswirkungen bewaffneter Gewalt in der Welt einsetzt, hat seit Kriegsbeginn am 24. Februar den massiven Einsatz von Explosivwaffen in der Ukraine dokumentiert und dabei zuletzt am 29. Juli einen tödlichen Einsatz von Streumunition verzeichnet. Bei dem Angriff auf eine Bushaltestelle in Mykolaiv wurden sieben Menschen getötet und 29 verletzt.

Streumunition wurde in der Ukraine vor allem in bewohnten Gebieten eingesetzt. Dabei wurden nicht nur Zivilist*innen getötet und verletzt, sondern auch die zivile Infrastruktur beschädigt: Häuser, Krankenhäuser, Schulen, Industrieanlagen, Spielplätze usw. Besonders problematisch sind dabei die nicht-explodierten Überreste der eingesetzten Waffen, darunter Uragan- und Smerch-Streumunitionsraketen sowie nicht explodierte 9N210-Splittermunition. Diese hinterlassen Blindgänger, die wie Landminen wirken und somit auch nach Ende des Beschusses eine jahrzehntelange Gefahr für Zivilist*innen darstellen.

Streubomben in der Ukraine treffen auch Kinder

Am 25. Februar forderte ein Artillerieeinschlag in der Stadt Ochtyrka, etwa 100 Kilometer westlich von Charkiw, mehrere Opfer. Darunter sollen auch Kinder gewesen sein. Zudem soll mindestens ein Mal in der Umgebung eines Kindergartens Streumunition eingeschlagen sein. Das bestätigte auch Amnesty International: Eine 220-mm-Uragan-Rakete soll auf die Kinderkrippe und den Kindergarten von Sonechko in der Stadt Ochtyrka im Gebiet Sumy abgeworfen worden sein, wo die Bevölkerung gerade Schutz vor den Kämpfen suchte. Der Einschlag stellt möglicherweise ein Kriegsverbrechen dar.

Streumunition im früheren Konflikt zwischen Ukraine und Russland 2014/2015

Die Ukraine hat den Einsatz von Streumunition während des Konflikts mit den von Russland unterstützten Separatisten im Osten des Landes im Jahr 2015 vehement bestritten, obwohl dies, einem Bericht von Human Rights Watch zufolge, wahrscheinlich der Fall war. Sowohl die ukrainische Regierung als auch die von Russland unterstützten Separatisten haben demnach seit Mitte 2014 Streumunition in der Ostukraine eingesetzt, die zahlreiche Opfer forderte, die Infrastruktur beschädigte und ein tödliches Erbe an nicht explodierter Submunition hinterließ. Bis die explosiven Kriegsreste geräumt und zerstört werden können, werden sie die Zivilbevölkerung noch jahrzehntelang gefährden. Human Rights Watch hatte vor dem Beginn des russischen Angriffskriegs ein dutzend Orte in zwei der östlichen Provinzen der Ukraine (Donezk und Luhansk) identifiziert, in denen bisher zwei Arten von bodengestützter Streumunition und zwei Arten von explosiver Submunition eingesetzt wurden.

 

 

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