Die Nachbarin schiebt Denis in den Innenhof, wo die Sonne scheint. Sie hat ihm geholfen, sich warm anzuziehen. Weil er sich nicht bewegen kann, friert er selbst im Sommer leicht. Sie hat ihm sogar eine Decke auf den Schoß gelegt und sie sorgfältig ausgebreitet, um seine Beine bis zu den Füßen warm zu halten. Er will etwas sagen, lässt es dann aber. »Brauchst du noch was, mein Sohn? Haben wir an alles gedacht?« »Haben wir, danke, Ella.« Er lächelt sie an. »Nur noch die Kopfhörer … Danke.« Sie setzt ihm die Kopfhörer auf und geht zurück in die Wohnung, wo sie Ordnung machen wird. Ella ist ein Goldstück … Was wäre er ohne sie. Wie sie ihn immer »mein Sohn« nennt … Und er sagt Tantchen zu ihr oder Ella. Ihr Mann Boris hat fantastische Ideen. Zum Beispiel hat er diesen kleinen Rolltisch irgendwo aufgetrieben, der die ideale Höhe, Größe und Neigung und außerdem eine Leiste hat, die dafür sorgt, dass Bücher, Telefon und Laptop nicht wegrutschen. Es fällt immer noch oft genug irgendetwas runter oder verrutscht so, dass Denis allein nicht drankommt und vor Verzweiflung und Ungeduld schreien möchte. Dabei war er mal so geschickt… Nichts und niemand kann dem Menschen seine Hände ersetzen. […]
Flashback. Er hasst es und kann doch nicht umhin, wieder auf diesen Moment zu starren, den Moment, als er sich vorsichtig, ganz behutsam kriechend näherte. Das Gras sachte beiseite schob. Nur die Halme, die ganz eindeutig neben der BLU 97 wuchsen, nicht die, auf denen sie lag. Selbstverständlich beging er nicht die Unvorsichtigkeit, die Submunition selbst zu berühren oder etwas, womit sie in Berührung war. Er ging konzentriert und ruhig vor. Wie immer….[…]
Wieder sieht er es vor sich: wie er die Hand auf das Grasbüschel zu bewegt, das ganz eindeutig neben der BLU 97 wächst. Ein Stöckchen oder eine verdeckte Wurzel muss es gewesen sein, was dann doch die verheerende Verbindung herstellte. Erst hatte der Schock die furchtbaren Schmerzen überlagert. Dann kamen sie über ihn wie ein wütender Orkan. Unvorstellbare Schmerzen, aber er verlor das Bewusstsein dennoch nicht. Musste sie aushalten. Sollte aushalten und bei Bewusstsein bleiben, damit er nicht abdriftete ins Nichts. Man sprach ihn immer wieder an, redete ihm zu, während des ganzen, nicht enden wollenden Transports. Trotz der provisorischen Verbände ließ sich das Blut nicht stillen. Irgendwann hatte er erleichtert festgestellt, dass mit dem Blut, das seinen Körper verließ, auch der Schmerz abfloss, und dass sein Herz immer langsamer schlug. Er driftete ab ins Nichts. »Ich sterbe …« Er fiel. Wie von einem sanften Sog in die Tiefe gezogen fiel er und wehrte sich nicht…
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Er reißt die Augen auf. Schluss mit Gedichten, Tagträumen. Er muss dafür sorgen, dass Vater wieder auf die Beine kommt. Musa erschrickt, weil ihn zum ersten Mal der Gedanke beschleicht, dass sein Vater vielleicht nie wieder »auf die Beine« kommen wird. Im Krankenzimmer des Vaters, wo sie ihn einmal in der Woche besuchen, ist alles beängstigend und fremd. Musa weiß nicht genau, was die Schläuche und Vorrichtungen zu bedeuten haben, an die der Vater immer wieder angeschlossen ist, und am liebsten will er es auch gar nicht wissen. Manchmal sind sie für eine Weile weg und Vater sieht wieder fast normal aus. Dann kommt die nächste Operation und dann die nächste und jede wirft ihn wieder zurück. Abumusa ist nicht mehr er selbst in dieser Umgebung, in fremde Tücher und Gerüche gehüllt. Es könnte sich etwas Schreckliches zeigen, würden die Decken hochgehoben, die über Vaters Beinen liegen. Wenn er den Mut dazu aufbringt, wagt Musa manchmal einen raschen, verstohlenen Blick dahin, wo die Beine eigentlich sein müssten, und einmal kam es ihm so vor, als zeichnete sich da nur ein Bein unter der Decke ab. Entsetzt hat er wieder weggesehen, in Vaters leidendes Gesicht gelächelt. Aber wenn es so wäre, dass sie Vaters Bein nicht retten konnten, warum sagt es denn niemand! Ummusa sitzt am Bettrand und weint still.[…]
Plötzlich stößt Sahar ihn an und schreit zugleich in die Runde: »Hört mal her! Musa hat eine E-Mail aus Israel! « Unwillkürlich schreckt Musa hoch, rückt von Sahar und ihrem Laptop ab. Sie legt ihm die Hand auf den Arm. »Beruhige dich.« Lächelnd schüttelt sie den Kopf. Alle im Café haben ihre Gespräche unterbrochen und sehen Musa an. Sie ahnen, was in ihm vorgeht. »Ich verspreche dir, er springt nicht aus dem Bildschirm raus und er ist nicht bewaffnet«, sagt Sahar. »Na, wer weiß«, wirft Ghassan ein und macht sich kein bisschen lustig. Musa ist ihm dankbar, obwohl er selber weiß, dass der Israeli nicht wie ein Zombie aus dem Laptop hervorbrechen sich auf ihn stürzen wird. Aber von einem Israeli eine Mail zu kriegen, das ist erschreckend. »Möchtest du es lesen, Musa?«, fragt ihn Ghassan sanft…
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Stand: 04/2009
