Interview mit Branislav Kapetanovic

Branislav Kapetanovic

Branislav Kapetanovic © banadvocates.org

Ich wurde 1965 in Kraljevo in Südserbien geboren, das ist etwa 200 km von Belgrad entfernt. Ich lebte bis zu meinem Unfall in Kraljevo und jetzt lebe ich in der Hauptstadt Belgrad. Bevor ich zum Militär ging, arbeitete ich in einer normalen Firma. Zu dieser Zeit gab es eine Inflation in Serbien und die Firma musste schließen, deswegen entschied ich mich im Alter von 27 Jahren dazu, dem Militär beizutreten.

Jahre zuvor hatte ich während meines Pflichtdienstes beim Militär spezielles Training als Entminer erhalten. Als die Firma zumachte, beschloss ich also, zurück zur Armee zur gehen, da sie mir einen finanziell „sicheren Job“ gewährleisten konnte. Ich arbeitete von 1995 bis zum 9. November 2000 beim Militär, bis zu jenem Tag, an dem ich den Unfall hatte.

Ich war sehr glücklich mit meinem Job, manchmal hatte ich vielleicht ein bisschen Angst, doch während den Minenräumungsaktivitäten kann man keine Angst haben; in diesen Momenten ist einfach kein Raum für Gefühle.

Während den Luftangriffen der NATO und im Laufe des darauf folgenden Jahres arbeitete ich im ganzen Land und vor allem in den südlichen Regionen. Vor den NATO- Angriffen hatte ich keinerlei Erfahrungen mit Streumunition gemacht. Bis zum Jahr 2000 hatte ich tausende Submunjtionen geräumt und heute glaube ich, dass Streumunitionen in der Räumung noch gefährlicher sind als Minen.

Während des Kriegs wurden nicht alle verseuchten Gebiete geräumt, deswegen wurde die Minenräumung im Jahr 2000 weiter betrieben. Am 9. November 2000 begleitete ich eine Gruppe von Ingenieuren, die den Dubinje Flughafen in Südwestserbien begutachtete. Ich war wie gewöhnlich immer der erste, der einen verseuchten Ort betrat, um ihn auf Gegenwart von Streumunition zu untersuchen. Normalerweise geht man immer zusammen als Team, aber ich war der einzige Entminer in meinem Team und es gab so viel Arbeit in diesem Moment. Deswegen betrat ich das Gebiet alleine. Da waren sechs oder sieben BLU 97, also evakuierte ich die Soldaten von dem Gebiet. Ich begann meine Arbeit an der ersten Submunition, sie befand sich in einem Busch. Als ich mich der Submunition näherte, explodierte sie. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich sie überhaupt jemals berührt habe. Ich glaube, ich war für einige Sekunden ohnmächtig, doch die meiste Zeit war ich bei Bewusstsein und rief schließlich die anderen Soldaten herbei. Ich hatte alle vier Gliedmaßen verloren, mein Gehör war beschädigt, genauso meine Augen (ich war mehrere Monate lang nach dem Unfall blind); mein Kopf und meine Lungen waren ebenfalls verletzt.

Es war kein Arzt in der Ambulanz, also verband der Rettungsassistent meine Wunden, um die Blutungen zu stoppen, und versuchte irgendwie meine Schmerzen zu lindern. Die 90 km lange Fahrt dauerte etwa 1,5 Stunden. Mein Zustand verschlechterte sich und ich verlor viel Blut, weil meine Arterien durchtrennt worden waren. In der Ambulanz war ich noch bei Bewusstsein, aber ich begann zu fühlen, dass ich sterben würde. Ich schrie dem Fahrer zu, er solle schneller fahren, als ich merkte, dass mein Herz sehr langsam schlug. Das letzte, woran ich mich erinnere, ist der Fahrer, der sagte, wir wären vor dem Krankenhaus. Ich fiel in Ohnmacht. Ich war fast tot.

Die Ärzte begannen mit Wiederbelebungsmaßnahmen – mein Herz und meine Lungen hatten aufgehört zu arbeiten. Ich befand mich für vier Tage in einer Art Halbkoma. So erzählten es mir die Ärzte später. Aber ich habe keinerlei Erinnerung an diese Zeit. Ich wurde viermal operiert; dann brachte mich ein Krankenwagen nach Belgrad, ins akademische Militärkrankenhaus. Während dieser zweiten Fahrt erlitt ich einen Herzstillstand. Als ich im Krankenhaus ankam, wurde ich wiederbelebt und hatte mehrere Operationen. Die Ärzte reinigten meine Wunden. Manche von ihnen waren infiziert, also mussten sie etwas Haut von einem Bein nehmen und am anderen Bein einpflanzen. Es wurden zwei Amputationen durchgeführt, um meine Gliedmaßen für Prothesen vorzubereiten. Ich verbrachte vier Jahre im Militärkrankenhaus in Belgrad.

Im Oktober 2004 wurde ich endlich entlassen. In diesen vier Jahren wurde ich über 20 Mal operiert: Viermal an einem Bein, fünfmal am anderen, eine Operation an meinem Ohr, mehrere Operationen, um Splitter aus meinem Vorderkopf zu entfernen und weiterhin wurde auch plastische Chirurgie durchgeführt. Ich war drei Jahre im Krankenhaus, ohne jemals nach draußen zu gehen. Im vierten Jahr durfte ich jedes zweite Wochenende nach draußen und begann letztendlich, mich wieder Stück für Stück an das alltägliche Leben zu gewöhnen.

Als ich aus dem Krankenhaus kam, war alles sehr schwierig. Ich musste die Welt, die Blicke der Menschen, das Anstarren ertragen. Ich hatte Glück, dass meine Ärtze mich langsam wieder an das Leben draußen gewöhnt hatten, so dass ich gut vorbereitet war, als ich endlich das Krankenhaus verließ. Für etwa ein Jahr lang bezahlte das Militär jemanden, der mit mir zusammen lebte, doch jetzt lebe ich allein in meiner Wohnung in Novi Beograd. Schauen Sie, hier sind meine Schlüssel. (Dies sagt er mit einem Lächeln.)

Anfang des Jahres 2006 fand die Norwegian People’s Aid einen Artikel über mich im Internet und kontaktierte mich. So begann meine Verbindung zur Cluster Munition Coalition.

Stand: 11/2008

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