Eine Bombe, tausend Splitter

Foto der 18-jährigen Silvia Vogelsang

Silvia Vogelsang, die gemeinsam mit einer anderen Teilnehmerin den dritten Platz belegt hat

In Laos sind die Folgen des Vietnamkrieges noch heute zu spüren

Von Silvia Vogelsang  

Wie fühlte sich der Vertreter des Staates Laos, als er am 3. Dezember 2008 das internationale Abkommen zum Verbot von Streumunition unterzeichnete? Von großer Bedeutung muss der Schritt für diesen Menschen in jedem Fall gewesen sein. Mit seiner Unterschrift besiegelte er sein Einvernehmen, sowohl die Verwendung als auch die Herstellung von Streubomben zu verbieten, mögliche Restbestände zu zerstören und allen Opfern Hilfe zu leisten. Niemand wird bezweifeln, dass er sich als Laote mit den Gefahren der tückischen Abwurfwaffen auskennt. Laos, der Agrarstaat zwischen Vietnam und Thailand, ist nach Einschätzungen der Organisation Handicap International eines der am meisten von Streubomben betroffenen Länder der Welt.  

Eine Streubombe besteht in der Regel aus einem Behälter, in dem sich mehrere kleine „Mini-Bomben“ befinden. Bei einem Abwurf der Bombe verteilen sich diese über große Flächen. Die Ausbreitung der Einzelbomben ist unkontrollierbar – ein Abwurf ist also jedes Mal auch eine große Bedrohung für Zivilisten. Fast noch schlimmer sind die vielen Blindgänger, die eine einzige Streubombe hinterlassen kann. Für die Bewohner stellen die nicht explodierten Munitionen auch noch Jahre nach der Bombardierung ein hohes Risiko dar.  

Wer in der Geschichte von Laos kramt, findet keinen direkten Krieg, den der Staat gegen einen anderen führte. Woher aber kommen die mehreren Millionen Blindgänger, die noch heute im ganzen Land verteilt sind? Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, muss man zurück in die Zeit des Vietnamkrieges. Obwohl Laos in diesem Krieg eine neutrale Position innehatte, weiteten die USA in den Siebzigerjahren die Bombardierungen auf die Nachbarländer Vietnams aus – also auch auf Laos. Der Vietnamkrieg ist jetzt seit 35 Jahren vorbei. Die Bedrohung hält an, und zwar täglich.  

In Laos gibt es seit Jahren Informations- und Bildungskampagnen, um den Menschen dabei zu helfen, mit den Gefahren der Streubomben umzugehen. Die Schule ist einer der Hauptstandorte für diese Kampagnen. Doch Aufklärung siegt nicht immer über kindliche Neugier.

Fast alltäglich könnten in Laos Szenen wie die folgende anmuten: Spielende Kinder machen im Wald eine Entdeckung. Wahrscheinlich können sie sich schon denken, dass das Ding, das sie da gerade gefunden haben, gefährlich ist. Doch einer der Jungen kann nicht widerstehen. Trotz aller Präventionsmaßnahmen, trotz der Tatsache, dass er oft genug vor der Gefahr gewarnt wurde, greift er zu. Wenn eine Einzelbombe explodiert, setzen sich rasiermesserscharfe Splitter über eine Fläche von einigen Hundert Metern frei. Die Konsequenzen variieren. Die wenigsten Leute können nach einer solchen Explosion wieder vollständig genesen. Einige müssen sterben. Pro Jahr ereignen sich in Laos etwa 300 Todesfälle aufgrund der Blindgänger, wobei die Dunkelziffer sehr hoch sein dürfte, denn über viele Tote in abgelegenen Teilen des Landes wird gar nicht erst berichtet. Am wahrscheinlichsten für die Betroffenen ist bei der Explosion von Streumunition jedoch nicht der Tod, sondern schwerste körperliche Verletzungen. Nicht selten muss ein Betroffener lernen, mit dem Verlust eines Körperteils oder des Sehvermögens klarzukommen.  

Um die vorherrschende Gefahr einzudämmen, wurde das Abkommen über Streumunition in Oslo abgeschlossen. Seit besagtem 3. Dezember haben bereits über 100 Staaten das Verbot der Waffen unterzeichnet, auch Deutschland. Die USA, die für die heutige Situation in Laos verantwortlich wären, gehören nicht dazu. Am 1. August 2010 wird der Vertrag endlich in Kraft treten. Doch hilft das den Opfern, die die Bomben schon gefordert haben?  

Manche Kinder werden nie wieder rennen, tanzen oder Fußball spielen können. Andere können nie mehr die Schönheit eines Sonnenaufgangs wahrnehmen. Nicht zu schweigen von dem erbarmungslosen Gefühl, den Eltern zur Last zu fallen. Für die Familien der Betroffenen ist die Behandlung eine große finanzielle Belastung. Wie viele der Kinder werden aufgrund ihrer Verletzungen nie die Chance bekommen, eine richtige Arbeit auszuüben? Das alles aufgrund eines Krieges, der noch vor ihrer Geburt beendet worden war.

Begründung der Jury

3. Platz: Silvia Vogelsang „Eine Bombe, tausend Splitter“

Andreas Zumach, taz:

"Der von der Autorin gewählte Einstieg über einen laotischen Diplomaten, der das Abkommen zum Verbot von Streumunition unterzeichnet, ist einzigartig unter den eingesandten Wettbewerbsbeiträgen. Ihre Beschreibung der Funktionsweise der Streubombe ist sehr verständlich. Und sie macht deutlich, dass diese Waffen nicht erst als liegengebliebene Blindgänger eine große, unberechenbare Gefahr für die Zivilbevölkerung darstellen, sondern auch schon, wenn sie, wie eigentlich vorgesehen, gleich nach ihrem Abwurf und Aufschlag auf der Erde explodieren. Damit wird klar, dass der Einsatz von Streubomben in jedem Fall ein Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht ist.

Am Schluss des Beitrages schildert die Autorin eindrücklich, welche verheerenden Auswirkungen die Explosion liegengebliebener Blindgänger bis zum heutigen Tagen für die Menschen in Laos hat."

 

Stand: 07/2010

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