Phongsavath Manithong: Tanz gegen das Unrecht

Ein junger Mann, Phonsavath, mit Unterarmprothese sitzt am Tisch
Phonsavath © Jan-Hendrik Mautsch/ Handicap International

Es war sein 16. Geburtstag, als Phongsavath auf dem Weg zur Schule diese Metallkugel fand. Er war mit Freunden unterwegs, um die Zeugnisse der 4. Klasse High School abzuholen. Sie wussten nichts über die gefährlichen „Bombies“ aus dem lang vergangenen Krieg, die immer noch überall in ihrer Heimat Laos zu finden sind. An ihrem Ort Vinethong Village in der Vientiane Provinz gibt es nur wenige davon. Neugierig hob Phongsavaths Freund also die kleine Kugel auf und reichte sie ihm. Phongsavath versuchte sie zu öffnen…

Erst nach vielen Stunden konnte der schwer verletzte und bewusstlose Junge in das Provinzkrankenhaus gebracht werden, wo die Ärzte keine andere Chance mehr sahen, als ihm beide Unterarme abzunehmen. Als Phongsavath aufwachte, war alles um ihn dunkel. Erst einige Zeit später kam sein Augenlicht wieder – nur um kurze Zeit danach auf immer zu verschwinden. Er blieb eineinhalb Monate im Krankenhaus. Die Familie musste zwei Büffel verkaufen und brauchte ihre gesamten Ersparnisse für seine Behandlung auf.

Als wäre dieses Schicksal noch nicht schrecklich genug, starb kurze Zeit später Phongsavaths Mutter. Der Vater heiratete wieder und zog weg. Er hat heute keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn. Mit seinen 16 Jahren musste der Junge nun also alleine zurechtkommen, als blinder Mensch – noch dazu ohne sich mit Hilfe seiner Hände orientieren zu können!

Zunächst kam Phongsavath bei einem Onkel unter, später brachte Handicap International ihn nach Vientiane ins Augenzentrum, einer Einrichtung für blinde Jugendliche. Die meisten dort sind allerdings jünger als er. Phongsavath lernt dort, sich im Alltag zurechtzufinden. Es gibt Schulunterricht und Freizeitaktivitäten, aber auch strenge Regeln, die ihm als mittlerweile 19-jährigen weniger behagen. Um wieder alleine essen zu können, hat Phongsavath im Rehabilitationszentrum von Cope eine Armprothese bekommen, an der er einen Löffel befestigen kann. Sonst trägt er die Prothese jedoch nicht, denn er braucht ja seine Armstümpfe, um die Umgebung zu ertasten.

Als wir den jungen Mann im Büro von Handicap International in Vientiane treffen, wirkt er erstaunlich fröhlich und lebendig. Besonders als er auf seinem Handy, das er mithilfe seiner Armstümpfe geschickt ans Ohr hält, einen Anruf erhält. Während des Gesprächs wird er jedoch auch immer wieder sehr ernst, wischt sich verstohlen über die Augen. Für manche Fragen brauchen wir die freundliche Kollegin nicht einmal, die das Gespräch übersetzt. Er erzählt uns, dass er versucht, mithilfe eines MP3-Players englisch zu lernen. Und offensichtlich hat er schon einiges davon behalten.

Phonsavath steht auf dem Kopf
Phongsavath macht einen Headspin © Sebastian Bozada/ Handicap International
Phongsavath hat seine Arme und sein Augenlicht durch Streubomben verloren und hält trotzdem sein Handy
Phongsavath telefoniert gerne und viel © Sebastian Bozada/Handicap International

Am Abend treffen wir ihn wieder bei der Probe von Lao Bang Fai. Ein laotischer Tänzer hat dieses Tanzstudio aufgebaut und trainiert hier seit einigen Jahren moderne Tänze, Hip Hop, Breakdance… Die Idee zu einem ganz eigenen Projekt kam bei einem Treffen mit Luc, dem Direktor von Handicap International in Laos: In einer neuen Gruppe tanzen nun junge Leute mit und ohne Behinderungen zusammen – und Phongsavath ist einer von ihnen. In diesen Tagen üben sie gemeinsam für den Auftritt bei der Streubombenkonfe- renz, die im November 2010 in Vientiane stattfindet. Vor Politikern, Kampagnenaktivisten, Medien und Diplomaten aus aller Welt wird die junge Gruppe Phongsavaths Geschichte in Breakdance-Szenen darstellen.

Fasziniert beobachten wir, wie der junge Mann sich ohne Hände in den Kopfstand bringt und zu drehen beginnt… Und wie er danach strahlend seine Freunde umarmt, von der Tanzgruppe und vom Handicap-Büro…

Trotz dieses Erfolges ist es noch nicht sicher, ob er wirklich dabei sein wird bei der Aufführung. Denn immer wieder holt ihn seine Depression ein. Dann will er niemanden sehen, keine Hilfe annehmen und nichts mehr tun. Wenn er aber auftreten wird bei der Konferenz, dann wird sein Tanz das Publikum berühren, so wie er uns berührte. Und er muss die Politiker dazu bewegen, sich umso mehr dafür einsetzen, dass irgendwann niemand mehr in Laos oder anderswo ein solches Schicksal erleiden muss wie Phongsavath.

(Eva Maria Fischer aus den Texten einer Laosreise Oktober 2010)

Stand 11/2010

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