
Kein Land der Welt wurde – gemessen an der Einwohnerzahl – so stark bombardiert wie Laos durch die amerikanische Armee während des Vietnamkriegs. Zwischen 1964 und 1973 gab es hier 580.000 Bombenangriffe, also während neun Jahren durchschnittlich alle acht Minuten ein Angriff! Dabei wurden auch unzählige Streubomben abgeworfen, die insgesamt mindestens 260 Millionen Munitionen enthielten. Von diesen Munitionen blieb eine große Zahl nicht explodiert liegen. Die genaue Zahl der Blindgänger ist nur schwer zu bestimmen, die entsprechenden Zahlen schwanken zwischen 13 und 78 Millionen.
In einer von Handicap International im Jahr 1996 durchgeführten Untersuchung über die Auswirkungen der Streubombenangriffe in Laos wurde die Zahl von 87.000 km² verseuchten Flächen, d.h. 37% der Gesamtfläche, genannt. Von den 17 Provinzen des Landes sind 14 direkt betroffen. Man findet in Laos nur sehr wenige Landminen, dafür vor allem Streumunitionen vom Typ BLU-26 (70,2%). Diese Blindgänger fordern bis heute etwa 300 neue Opfer jährlich, d.h. 300 getötete oder schwer verletzte und in der Folge zeitlebens behinderte Menschen. Ein aktueller landesweiter Bericht zählte 50.136 Opfer von Streumunition insgesamt zwischen 1963 und 2008 – davon 40% nach Ende der Bombardierung.
Die Demokratische Republik Laos war der zweite Staat, der am 3.12.2008 in Oslo den Vertrag über ein Verbot von Streubomben unterzeichnete – nach dem Gastgeberland Norwegen. Dies war mehr als eine Geste für das Land, das zu denen gehört, die am meisten unter den Auswirkungen von Streubomben leiden. In Laos wird auch im November 2010 die erste Staatenkonferenz der Unterzeichner des Verbotsvertrags von Oslo stattfinden.
Handicap International ist seit 1996 in Laos tätig und führte zunächst im Auftrag der laotischen Regierung eine internationale Untersuchung über die Folgen nicht explodierter Kriegsmunition durch. Seither ist Handicap International in unterschiedlichen Bereichen tätig geworden, die sich hauptsächlich mit der Bombenräumung, Aufklärung der Bevölkerung über die von Blindgängern ausgehenden Gefahren, Hilfe für die Opfer und Wiedereingliederungsmaßnahmen für behinderte Menschen in ihren Heimatgemeinden befasst.
Handicap International beschäftigt sich intensiv mit den unterschiedlichen Bereichen der Minenaktion. Dazu gehören Minenaufklärung, Opferhilfe, Lobbyarbeit, Räumung und das Markieren von gefährlichen Gebieten – all das gekoppelt an Aktivitäten in der Entwicklungszusammenarbeit, um sicherzugehen, dass die vorhandenen Ressourcen bestmöglich genutzt werden. Die Projekte von Handicap International stehen in enger Beziehung zueinander und zu Projekten anderer Akteure. Dies soll eine nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung und die endgültige Umsetzung der Streubombenkonvention in Laos ermöglichen
Die mobilen Räumungsteams arbeiten dafür, dass die Gefahr, die von explosiven Überresten ausgeht, beseitigt wird. Zusammen sorgen sie dafür, dass die Menschen aus der am stärksten betroffenen Provinz Savannakhet, wieder in einer sicheren Umgebung leben und arbeiten können. Zusätzlich ermöglichen wir damit die Weiterentwicklung des Landes und fördern die freie Entfaltung seiner Einwohner, sodass sie nicht unter Einschränkungen leiden müssen, die durch Unterentwicklung entstehen können.
Im Jahr 2009 säuberte das Team von Handicap International über 30 Hektar in den dringendsten Gebieten und zerstörte Tausende von explosiven Überresten. Dies kam über 15.000 Menschen zu Gute. Die geräumten Gebiete sind nun wieder zugänglich für landwirtschaftliche Bebauung mit z.B. Reis, Bananen oder Kasavensträuchern, aber auch für Bewässerungs- und Wasserspeichersysteme, für Schulen, Krankenhäuser, andere Infrastrukturen und zukünftige Entwicklungsinitiativen. Insgesamt halfen die Räumungsaktionen von Handicap International 30 Gemeinden in 3 Distrikten von Savannakhet.
Unsere mobilen Einsatzteams stehen monatlich dafür bereit, schnellstmöglich auf Anfragen von Gemeinden zur Räumung von explosiven Überresten zu reagieren, die eine direkte und unmittelbare Bedrohung darstellen. Bevorzugt werden hierbei explosive Überreste, die nahe an Häusern oder an viel besuchten Plätzen lokalisiert wurden. 2009 wurden insgesamt 21 Fliegerbomben, 626 Streubomben und 194 sonstige Überreste von unseren mobilen Räumungsteams zerstört.
Die Minenaufklärung von Handicap International zielt darauf ab, den Einwohnern die Gefahren von explosiven Überresten zu vermitteln. Gleichzeitig soll damit die Zahl von potentiell gefährlichen Aktivitäten wie das Aufsammeln von Metallresten reduziert werden, die Risikoeinschätzung geschärft und die gemeinschaftliche Kommunikation bezüglich dieser Themen angeregt werden. Unsere Teams machen ebenfalls Hausbesuche, bei denen große Familien auf vertrauliche Art über Risiken und Gefahren aufgeklärt werden. Auch Dorfversammlungen bieten uns immer wieder eine gute Möglichkeit, Kindern in interaktiven Diskussionen auf spielerische Weise das Thema näher zu bringen. Ein besonderes Augenmerk richten die Aufklärer auf die Familien, in denen die Kinder durch die Sammlung von Metall zum Lebensunterhalt beitragen. Sehr häufig kommen sie dabei mit den hoch gefährlichen Bombenresten in Berührung.
Menschen mit Behinderung in Laos – dazu gehören auch viele Opfer von Streubombenunfällen – haben nur sehr begrenzten Zugang zu Rehabilitations- und Hilfseinrichtungen, denn die bestehenden Einrichtungen konzentrieren sich auf die großen Städte.
Das „Community Based Rehabilitation“-Team von Handicap International bietet gemeindenahe Rehabilitation und hilft den Opfern, indem diese an die entsprechenden nationalen und provinziellen Rehabilitationszentren weitervermittelt werden.
Das Ganze wird zusätzlich von der Firma „Cooperative Orthotic and Prosthetic Enterprise (COPE)“ unterstützt, wo die Patienten kostenlose Rehabilitationstherapien und Hilfsmittel wie z.B. Prothesen, Orthesen oder Rollstühle erhalten. Das Team von Handicap International sorgt außerdem dafür, dass Minenopfer und andere Menschen mit Behinderung kontinuierlich in ihre Gemeinschaft integriert werden. Dabeiw erden auch freiwillige Gemeindearbeiter unterstützt und beraten sie dabei, wie sie bedürftige Menschen identifizieren, ihre Bedürfnisse erkennen und persönlichen Kontakt zu ihnen aufbauen können.
Handicap International hilft Minenopfern dabei, sich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen mit dem Ziel, eine größtmögliche Unabhängigkeit für die Opfer zu erreichen. Dies wird in einigen Projekten umgesetzt – eines davon ist das „Household Garden“ Projekt, in dem die Fähigkeiten der Betroffenen trainiert werden und das sie an Märkte heranführt. Das Projekt stattet die Teilnehmer mit den Fähigkeiten und Materialien aus, die für die Bearbeitung ihrer eigenen Gärten benötigt werden. Der Hintergrund dabei ist, den Menschen eine Alternative zum arbeitsintensiven Ackerbau oder dem Verkaufen von Metallresten anzubieten.
Gemeinsam mit der Vereinigung behinderter Menschen in Laos (LDPA) versucht Handicap International in einem weiteren Projekt, die Arbeitschancen von Menschen mit Behinderung zu verbessern. Dazu wurden verschiedene Arbeitgeber in Vientiane aufgesucht, um zu ermitteln, welche Voraussetzungen für eine Beschäftigung von Menschen mit Behinderung nötig wären. Das gibt der LDPA die Möglichkeit, sich entsprechend vorzubereiten – und die möglichen Arbeitgeber konnten durch den neuen Kontakt erfahren, welche Fähigkeiten diese Menschen in ihre Betriebe einbringen könnten.
Im Jahr 2000 wurde das Programm von Handicap International in Laos um das Strassensicherheitsprojekt ergänzt. Der motorisierte Straßenverkehr hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, was zu einer stark erhöhten Zahl von Verkehrsunfallopfern führt. 2008 starben bei Verkehrsunfällen mindestens 616 Menschen und wurden 8.985 verwundet. Handicap International unterstützt die lokalen Behörden bei der Verbesserung der Infrastrukturen, der Gesetzgebung und der Sammlung von Daten über Unfälle im Straßenverkehr. Die Organisation führt darüber hinaus Aufklärungsaktionen zur Sicherheit im Straßenverkehr für die Bevölkerung durch, z.B. in Schulen (Tragen eines Helms, Vermeidung riskanten Verhaltens usw.).
Die wenigsten laotischen Mütter (nur 7%) bringen ihre Kinder in Gesundheitseinrichtungen zur Welt. In abgelegenen ländlichen Regionen haben die Frauen vor und nach der Geburt nicht einmal Zugang zu ausreichender Ernährung und Trinkwasser. Diese Umstände führen zu einer hohen Mütter- und Kindersterblichkeit. Besonders kleine Kinder bekommen Krankheiten, die zu langfristigen Behinderungen führen können. In einem neuen Projekt schult und unterstützt Handicap International gezielt die Mütter in den betroffenen Regionen darin, Krankheiten und Behinderungen bei ihren Kindern zu vermeiden.
Stand: 10/2010
